Digitale Souveränität im Public Sector: Architektur und Betrieb im Fokus
10. Februar 2026
Der öffentliche Sektor steht vor einer doppelten Herausforderung. Zentrale Verwaltungsleistungen müssen digital, skalierbar und nutzerorientiert bereitgestellt werden. Gleichzeitig wächst die Abhängigkeit von proprietären Plattformen, fragmentierten Standards und historisch gewachsenen IT-Strukturen. Daraus entstehen isolierte Fachverfahren, begrenzte Integrationsfähigkeit, hoher Koordinationsaufwand zwischen föderalen Ebenen sowie steigende Anforderungen an Compliance, Nachvollziehbarkeit und Datenhoheit.
Digitale Souveränität adressiert dieses Spannungsfeld auf technischer Ebene. Sie beschreibt die Fähigkeit von Behörden, Architekturentscheidungen, Betriebsmodelle und Datenflüsse eigenständig zu kontrollieren. Digitale Souveränität im öffentlichen Sektor bildet damit die Grundlage für belastbare digitale Services und langfristig steuerbare Plattformarchitekturen.
Steuerungsfähigkeit ist der zentrale Maßstab. Verantwortliche müssen nachvollziehen können, wie Anwendungen integriert sind, wo Daten verarbeitet werden und welche Abhängigkeiten im Betrieb bestehen. Fehlende Transparenz führt zu operativen Risiken bei Gesetzesänderungen, Sicherheitsvorfällen oder Prüfprozessen und erschwert die technische Anpassungsfähigkeit föderaler IT-Strukturen.
Architektur: Entkoppeln, Standardisieren, Kontrollieren
Digitale Souveränität ist das Ergebnis konsistenter Architekturentscheidungen. Modular aufgebaute Systeme, lose Kopplung und klar definierte Schnittstellen sichern technologische Beherrschbarkeit. API-basierte Integrationsarchitekturen, Containerisierung und serviceorientierte Architekturen ermöglichen es, Funktionen unabhängig voneinander zu betreiben, weiterzuentwickeln oder gezielt zu migrieren, ohne bestehende Fachverfahren zu destabilisieren.
Für Plattformarchitekturen im öffentlichen Sektor ist dieser Ansatz essenziell. Fachverfahren lassen sich selten kurzfristig ersetzen, wohl aber schrittweise in übergreifende Integrationsarchitekturen einbinden. Register, Identitätsdienste, Serviceportale oder Autorisierungsmechanismen werden als eigenständige Services orchestriert. Standardisierte APIs gewährleisten Interoperabilität über Verwaltungsebenen hinweg und ermöglichen die Anbindung an föderale Strukturen wie Portalverbund, Registermodernisierung oder EfA-Leistungskataloge.
Cloud-Architekturen für Behörden übernehmen in diesem Kontext die Funktion einer kontrollierbaren Laufzeitumgebung. Datenzugriffe, Orchestrierung und Serviceabhängigkeiten verbleiben unter institutioneller Hoheit. Hybride und föderale Betriebsmodelle in eigenen oder kooperativ betriebenen Rechenzentren erlauben Skalierung und Flexibilität bei gleichzeitiger Sicherstellung von Transparenz, Integrität und Steuerbarkeit.
Betrieb: Automatisierbar, nachvollziehbar, sicher
Die Wirksamkeit einer Integrationsarchitektur zeigt sich im operativen Betrieb. Souveräne Plattformen setzen voraus, dass auch Deployment, Konfiguration und Monitoring durchgängig kontrollierbar sind. Standardisierte Betriebsmodelle mit lückenloser Protokollierung, verbindlichen Policies und technischer Revisionssicherheit schaffen die Grundlage für regulatorisch belastbare Services.
Automatisierung erhöht die technische Kontrollierbarkeit. Container-Orchestrierung, Infrastructure-as-Code und automatisierte Deployment-Prozesse erzeugen reproduzierbare Zustände, konsistente Konfigurationen und belastbare Audit Trails. In föderalen IT-Landschaften mit langen Betriebszyklen und hoher Prüfungsdichte reduziert dieser Ansatz Fehleranfälligkeit, Abhängigkeiten von implizitem Wissen und strukturelle Betriebsrisiken.
Security wird auf Architekturebene definiert. Zero-Trust-Modelle, feingranulare Rollen- und Rechtekonzepte, verschlüsselte Datenhaltung und mandantenfähige Plattformstrukturen sind verbindliche Designparameter. Zugriffe und Datenverarbeitung bleiben technisch abgesichert, dokumentiert und überprüfbar, im Einklang mit DSGVO, Haushaltsrecht und föderalen Vorgaben.
Realbetrieb: Souveräne Plattformen im Public Sector
In föderalen IT-Landschaften werden Plattformarchitekturen etabliert, die Architektur- und Betriebshoheit systematisch adressieren. Landes- und Kommunalprojekte setzen auf containerisierte Umgebungen für Fachverfahren, modulare Serviceportale mit föderierter Authentifizierung oder hybride Integrationsplattformen zur Anbindung zentraler Bundeskomponenten.
Strukturell entscheidend ist die klare Trennung zwischen tragfähiger Integrationsarchitektur und temporären Übergangslösungen. Wo standardisierte Schnittstellen fehlen, können automatisierte Verfahren als Übergangsmechanismus eingesetzt werden. Langfristige Handlungsfähigkeit entsteht durch interoperable Datenmodelle, klar definierte Schnittstellen und architektonische Unabhängigkeit von proprietären Plattformen.
Ein durchgängiger Automation-First-Ansatz ermöglicht orchestrierte Prozessketten von der Antragstellung über Fachverfahrensintegration bis zur Bescheidzustellung. Voraussetzung ist eine Plattformarchitektur, die technische, organisatorische und regulatorische Anforderungen konsistent zusammenführt.
Praxisbeispiel: Souveräne KI-Plattform auf europäischer Ebene
Die AI-on-Demand-Plattform der Europäischen Kommission verdeutlicht, wie sich Prinzipien digitaler Souveränität auf europäischer Ebene in Plattformarchitekturen umsetzen lassen.
Ziel war der Aufbau einer gemeinsamen Infrastruktur für vertrauenswürdige KI-Ressourcen unter Berücksichtigung von Datenschutz- und Sicherheitsanforderungen.
Zentrale Funktionen wie Identity- und Berechtigungsmanagement, Marktplatzmechanismen für KI-Services und eine standardisierte DevOps-Umgebung wurden in einer europäischen Infrastruktur zusammengeführt, mit klar definierten Zuständigkeiten und nachvollziehbaren Betriebsprozessen.
Wie der Public Sector digitale Eigenständigkeit erreicht
Digitale Souveränität in föderalen IT-Strukturen erfordert Transparenz über Architektur, Betrieb und Datenflüsse. Steuerungsfähigkeit wird damit zur strukturellen Voraussetzung staatlicher Handlungsfähigkeit. Sie bildet die Grundlage für rechtssichere digitale Services, nachhaltige Skalierbarkeit und die langfristige Stabilität öffentlicher Plattformarchitekturen.
Architektur- und Betriebshoheit lassen sich als technisch umsetzbare Design- und Betriebsprinzipien konkret verankern. Wer Plattformarchitekturen konsequent auf Integrationsfähigkeit, Automatisierung und Security ausrichtet, schafft belastbare digitale Strukturen für den öffentlichen Sektor.